01.F.2 — Entstehung von Mythen
Wie Fehlvorstellungen entstehen und zirkulieren
Vereinfachte Aussagen über Ernährung entstehen häufig aus der Popularisierung komplexer Forschungsergebnisse. Wenn eine Kohortenstudie eine statistische Assoziation zwischen einem Ernährungsmuster und einem bevölkerungsbezogenen Outcome belegt, wird diese Assoziation in der Medienberichterstattung oft als kausale Handlungsempfehlung reformuliert.
Ein weiterer Entstehungsweg sind aus dem Kontext gerissene Laborergebnisse: Ein in einer Zellkulturstudie beobachteter Effekt einer Verbindung wird ohne Berücksichtigung von Dosierung, Bioverfügbarkeit und Übertragbarkeit auf den menschlichen Organismus zu einer Aussage über die Wirkung eines bestimmten Lebensmittels.
Virentis nimmt keine Wertung einzelner Medienberichte oder Studien vor. Ziel ist die Darstellung des methodischen Rahmens, der für die sachgerechte Einordnung solcher Aussagen notwendig ist.
01.F.3 — Lesen von Studien
Grundbegriffe zur Einordnung von Forschungsergebnissen
Assoziation vs. Kausalität: Eine statistische Assoziation zwischen zwei Variablen bedeutet nicht, dass eine Variable die andere verursacht. Confounding — das Vorhandensein dritter Variablen — ist in der Ernährungsepidemiologie ein systematisches Problem.
Effektgröße: Nicht jeder statistisch signifikante Befund ist praktisch relevant. Effektgrößen beschreiben das Ausmaß eines Zusammenhangs, nicht nur seine statistische Absicherung. Kleine Effekte in großen Stichproben werden häufig statistisch signifikant, sind aber biologisch nur eingeschränkt interpretierbar.
Systematische Reviews und Metaanalysen: Diese Studienformen fassen mehrere Einzelstudien zusammen und bieten in der Evidenzhierarchie in der Regel eine robustere Grundlage als Einzelstudien — sofern die eingeschlossenen Studien methodisch vergleichbar und die Synthesemethodik transparent ist.
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